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Mit einer Zeitreisenden durchs Museum

Fotos: Melanie Hunziker und Cornelia Tannheimer

Mit einer Zeitreisenden durchs Museum

Eine Klasse erkundet «Maries Welt»

30.03.2020 - Praxis

Eine 5./6. Klasse aus Frauenfeld erprobt das neue Angebot für Schulklassen im Schloss Frauenfeld und ist begeistert von der Begegnung mit einer Zeitreisenden.

Die Schülerinnen und Schüler warten gespannt auf dem Schlossvorplatz, als eine Dame ganz in Schwarz um die Ecke kommt.
Sie ist gekleidet wie vor 100 Jahren, trägt ein edel besticktes Cape, einen bodenlangen Rock, Hut und Handschuhe. Etwas irritiert schaut die Dame um sich und schüttelt den Kopf: «Alles ist so anders hier!» Dann entdeckt sie die Klasse, die erwartungsvoll die überraschende Erscheinung begutachtet. «Gestattet, mich euch vorzustellen, mein Name ist Marie Elise Bachmann und dieses Schloss gehört meiner Familie.»

Mit einer Insiderin auf Tour
Fräulein Bachmann, letzter Spross einer Stettfurter Richterdynastie, schenkte dem Kanton 1955 Schloss Frauenfeld. Nun reist sie in unsere Zeit, um mit eigenen Augen zu sehen, was aus ihrem Schloss geworden ist. Zusammen mit der Schulklasse erkundet Marie Elise Bachmann «ihr» Schloss, das heute Sitz des Historischen Museums Thurgau ist. Mit ihrem schweren Schlüsselbund versucht sie die Türschlösser zu jenen Räumen zu öffnen, wo sie ihre Sammlungsstücke zu entdecken hofft. Die Kinder helfen ihr dabei, indem sie in Gruppen Aufträge bearbeiten und der Zeitreisenden schliesslich den Weg zu ihren Trouvaillen weisen. Fündig werden sie im Keller. Hier stossen sie auf mittelalterliche Waffen – im 19. Jahrhundert waren diese begehrte Sammlerstücke bürgerlicher Familien. Weiter geht es zu den bunten Wappenscheiben, die erst bei genauer Betrachtung ihre skurrilen Besonderheiten offenbaren und vor 100 Jahren höchst exklusive Preziosen waren.

Im zweiten Stock bleibt die ehemalige Schlossbesitzerin verdutzt stehen. Anstelle einer Wohnung findet sie nur noch einen geräumigen Flur vor. Anhand alter Fotografien rekonstruieren die Kinder die baulichen Veränderungen und machen sich ein Bild vom Schloss und seinen Interieurs zu Bachmanns Zeiten. 


Wie war das Leben ohne Smartphone?
Auf dem Streifzug durch das Schloss kommt es immer wieder zu Gesprächen zwischen Marie und den jungen Besucherinnen und Besuchern. Ein Mädchen möchte wissen, ob Fräulein Bachmann auf der «Rückreise» ins Jahr 1915 einige von ihnen mitnehmen könne oder welche Uhren die Menschen damals getragen haben. Die Schlossbesitzerin ihrerseits staunt über die Kleidung der Kinder. Sie erzählt von ihren Reisen mit Zug, Schiff und Kutsche und von den beschwerlichen häuslichen Arbeiten, welchen sich die Mädchen in ihrer Zeit annehmen mussten. Dabei staunt sie darüber, dass heute alle einen Beruf erlernen und arbeiten gehen.

Als die Klasse die Reisetruhe mit den vielen kleinen Schätzen aus der bachmannschen Sammlung unter die Lupe nimmt, nimmt Marie Elise dies zum Anlass, ihre Erinnerungen daran zu erzählen. Die Kinder berichten im Gegenzug aus ihrem Alltag und erklären Marie, was ein Selfie ist. Bei der Frage nach dem Highlight der Führung erklärt eine Mehrheit übrigens diese Truhe zu ihrem Favoriten.

Am Schluss des Rundgangs dechiffrieren die Kinder begeistert Details auf einer kostbaren Landschaftstapete aus dem 18. Jahrhundert, die von den Bachmanns aus einem Zürcher Haus gerettet wurde und den Kunstsinn der grossbürgerlichen Familie belegt. Die Tapete zeigt gemalte Geschichten aus der griechischen Mythologie. Stilsicher stellen die Kinder fest, dass die weissen Wände in ihren Häusern besser zu ihren Möbeln passen.

Geschichte hautnah
Im neuen Vermittlungsangebot «Maries Welt – zu Besuch bei der letzten Besitzerin von Schloss Frauenfeld» schlüpft die Kulturvermittlerin in die Rolle von Marie Elise Bachmann. Indem die Schülerinnen und Schüler ihr in persona begegnen, fällt das Eintauchen in das Leben vor 100 Jahren leicht. Schnell entsteht beim Durchforsten des Museums ein Dialog zwischen der Zeitreisenden und den Kindern – wie unterscheidet sich das Leben von früher zu heute? Sie ziehen Vergleiche, decken Sonderbares auf. Die Schülerinnen und Schüler lassen sich bereitwillig und erwartungsvoll auf die Figur Marie Bachmanns ein und suchen das Gespräch mit ihr. 

Gelerntes nachhaltig speichern
Die Kinder sollen das Schloss und seine Geschichte ganzheitlich und auf verschiedenen Ebenen erleben – so lautet das erklärte Ziel dieses Angebots. Von der «realen» Figur der Marie Elise Bachmann nehmen sie historisches Wissen sowie «nice-to-knows» auf und speichern es nachhaltig. Die Fragen der Kinder an Marie sind authentisch und zeugen von echtem Interesse. Der spielerische und von Rätseln ausgehende Ansatz weckt Neugierde. So zeugen denn auch die Rückmeldungen auf das Angebot von einem abwechslungsreichen Lernerlebnis: «Mir hat gefallen, dass wir nicht nur zuhören mussten, sondern selber etwas machen konnten.» – «Mir hat das Rätsel gefallen, als wir die alten Sachen aus dem Zimmer suchen mussten.» – «Mir hat es gefallen, als wir ein Rätsel lösen durften, weil ich gerne solche Rätsel löse.» Die Begegnung mit der Figur Marie Elises löst weiteres positives Echo aus: «Mir hat es gefallen, dass die Frau so getan hat, als wäre sie aus der Vergangenheit.» – «Es war lustig, dass sie verkleidet war.» – «Ich fand es toll, dass sie uns so viele Informationen gesagt hat, wie man früher im Schloss gelebt hat.»

Text: Ira Werner und Melanie Hunziker

«Maries Welt – Zu Besuch der letzten Besitzerin von Schloss Frauenfeld» ist ein Angebot im Rahmen von «Thurgauer Köpfe. Ein Thema – sechs Museen», einem Kooperationsprojekt der Museen Thurgau.

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