«Können wir noch ein bissel länger bleiben?»
«Können wir noch ein bissel länger bleiben?»
Kulturagent.innen-Projekt in Kreuzlingen
25.03.2026 - Aktuell - Praxis
Wenn von Kulturschaffen die Rede ist, dann fallen einem Musiker am Festival, Tanzkompanies auf der Bühne oder Schauspielerinnen im Film ein. Die eben, die im Rampenlicht stehen. Aber Kulturschaffen ist mehr als das. Es ist auch Beleuchtungen checken, Texte proben oder Plakate gestalten. Und: Kultur ist überall. Um das den Schüler:innen einmal bewusst zu machen, führt das SZ Egelsee in Kreuzlingen zusammen mit Kulturagent Niklaus Reichle zwischen März und Juni verschiedene Kulturerfahrungen in der unmittelbaren Umgebung durch. Bei den März-Erlebnissen war kklick als Gast dabei.
10. März, 8.20 Uhr, Horst Klub. Rund zehn Jugendliche der Sekundarstufe treten tuschelnd, teilweise gähnend aber gut gelaunt zum Workshop «Do it yourself» an. Für dieses Motto ist die Punk-Rock-Location bestens geeignet. Denn seit der Gründung 2016 kümmert sich hier ein Kollektiv von Engagierten darum, dass der Laden läuft: Von der ersten Idee für das Programm übers Plakate machen, Musiker:innen buchen bis hin zur Raumreinigung. Denn auch das gehört zum Kulturmachen dazu.
Solche Aufgaben können nun die Jugendlichen erproben. Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte des Horst Klubs geht’s in Gruppen aufgeteilt los. Gruppe 1 inspiziert den Konzertraum und die dort vorhandene Technik. Wie schliesst man ein Mikro an oder hält einen E-Bass? Gruppe 2 übt sich im Plakate-Gestalten. Wie muss so ein Plakat ausschauen, um alle wichtigen Informationen zu enthalten? Und Gruppe 3 nimmt den Plattenspieler ins Visier: Platten auflegen wie in den 1980-ern. Lang vergessen, doch heute wieder Trend! Um 11.45 Uhr ist klar: Niemand hat vorher geahnt, dass Kultur so bunt und «anders» sein kann und solchen Spass macht. Kein Wunder, dass ein Schüler fragt: «Können wir noch ein bissel länger bleiben»?
12. März, 10.00 Uhr, Kult-X. Der Mini-Van des Theater Bilitz steht bereits auf dem Kiesplatz. Die Schauspielerinnen von «Sophie & ich» sind mitsamt einer Technikerin längst vor Ort, um alles für die Aufführung vorzubereiten. Nach und nach trudeln die Schüler:innen ein. Ganz anders als beim «Do it yourself»-Workshop zwei Tage zuvor, sind sie diesmal gekommen, um «nur» zuzusehen und sich mit einem ernsten Thema zu befassen: Im 60-minütigen Stück geht es um Widerstand und Mitläufertum in Nazi-Deutschland.
«Sophie & Ich» erzählt von einer Begegnung, die nie stattgefunden hat, aber hätte stattfinden können: Was wäre geschehen, wenn die Widerstandskämpferin Sophie Scholl mit der gleichaltrigen Traudl Junge, der späteren Sekretärin Hitlers, befreundet gewesen wäre? Als das Licht erlischt und die beiden Akteurinnen auf die Bühne treten, senkt sich tiefes Schweigen über die rund 50 Jugendlichen. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen sie die Geschichte, die mit der Ermordung Sophie Scholls durch die Nazis endet – und mit einer die Wahrheit leugnenden Traudl Junge. Der anschliessende Applaus ist begeistert, die Gesichter nachdenklich. Was nimmt man selbst als Message für sich mit nach Hause?
Das kklick-Fazit zu unseren Besuchen: Für die Jugendlichen war es eindrücklich, innerhalb von nur 72 Stunden und praktisch vor der Haustür an zwei völlig verschiedenen Kulturerlebnissen teilnehmen zu können. Die Schüler:innen waren neugierig und «voll dabei». Zumal manch eine:r noch nie zuvor in einem Konzertlokal oder einem Theaterstück war. Umso wichtiger, dass Schule diese Erfahrungen ermöglicht und fördert!
