Sie sprechen nicht – aber sie singen
Sie sprechen nicht – aber sie singen
Bedarfsorientiert gegen Sprachdefizite
09.01.2026 - Aktuell
Karin Bäumlin ist Kindergarten- und Unterstufenlehrerin und Kulturverantwortliche der Schuleinheit Kirchstrasse in Uzwil. In ihrer Arbeit mit Kindern bemerkt sie immer mehr, dass viele von ihnen mit Sprachdefiziten kämpfen: vom fehlerhaften Umgang mit Worten bis hin zur kompletten Sprachverweigerung. Für den Sommer 2026 hat sie – betreut von Kulturagent:in Jelena Moser – deswegen ein Projekt der besonderen Art geplant: Jodeln zum Spass und mit logopädischem Aspekt. Im kklick-Interview verrät sie dazu mehr.
Karin, im Sommer lässt du Schüler:innen bei euch Jodeln lernen. Und zwar unter professioneller Leitung der Sängerin Denise Mathis. Wozu das Ganze?
Am Anfang stand die erschreckende Erkenntnis, dass bei uns mittlerweile viele Kinder mit Sprachdefiziten evaluiert sind. Geschlagene 50 % sind sogar in Therapie deshalb. Wir haben überlegt, was im Schulalltag noch getan werden kann, um auf lustvollem und nachhaltigem Weg bedarfsorientiert Sprachförderung zu betreiben.
Und da seid ihr auf die Idee mit dem Jodeln gekommen?
Auf den ersten Blick scheint das erstaunlich. Aber beim genauen Hinsehen wird klar: Jodeln fördert akzentuiertes Kehlkopftraining und genaue Artikulation bei Sprechen. Zudem bringt Singen grundsätzlich mit sich, dass man Vokabular immer und immer wieder repetiert. So erlernen Kinder spielerisch einen Wortschatz und den unverkrampften Umgang mit Sprache. Das ist für alle Kinder und besonders für diejenigen mit Migrationshintergrund, die zuhause oft kein Deutsch sprechen, relevant.
Du scheinst ein echter Sing-«Fan» zu sein.
(Lacht) Was heisst Sing-«Fan»? Aber ja, ich bin froh, dass man Musik und Gesang als Unterrichtswerkzeuge nutzen kann. Ich habe ein kleines Mädchen in einer meiner Klassen. Das hat ein Jahr lang aus verschiedenen Gründen kein einziges Wort gesprochen – aber mitgesungen hat es. Wenn man so etwas erlebt, dann berührt einen das schon ziemlich. Als ich beim kklick-Netzwerktreffen im September 2025 wieder einmal Gelegenheit hatte, tolle Angebote der kulturellen Bildung kennenzulernen, kam der Stein ins Rollen.
Wie gestaltet ihr das Projekt im Detail?
Ab Mitte Juni 2026 soll im Rahmen von 6 x 4 Lektionen mit Kindern aus dem Zyklus 1 Jodeln gelernt werden. Für die musikalische Seite haben wir Denise Mathis als Profi engagiert, da uns von schulischer Seite her sowohl das Know-how wie auch die Ressourcen fehlen. Die pädagogische Begleitung übernehmen wir selbst. Und zum Projektabschluss ist aktuell die Idee, ein Konzert bei uns in Uzwil in der «Galerie am Gleis» aufzuführen.
Das klingt nach einer runden Sache.
Wir haben uns jedenfalls viel dazu überlegt und ich bin sehr gespannt, wie es in der realen Umsetzung wird. Ich bin optimistisch und freue mich darauf. Über Gesang passiert ja so viel! Neugierig wäre ich, ob man bei den Kindern, die in Sprachtherapie sind, einen messbaren Unterschied zu ihren Fähigkeiten vor und nach dem Jodelkurs feststellen kann.
Dankeschön, Karin, für das Interview!
