«Es waren so viele Besuchende – da sind uns die Pantoffeln ausgegangen»
Schülerinnen zeigen den Gästen ihre Ausstellung in der Meitleflade.
© Roger Fuchs
«Es waren so viele Besuchende – da sind uns die Pantoffeln ausgegangen»
Stiftsbibliothek und Meitleflade spannen zusammen
11.05.2026 - Praxis
«Kloster» und «Mittelalter» sind zwei Begriffe, die so manche:r als verstaubt, düster und irgendwie nicht wirklich spannend empfindet. Dass dies ein grosser Irrtum ist, macht aktuell die Sek I der St.Galler Meitleflade vor. In Zusammenarbeit mit der Stiftsbibliothek St.Gallen unter der Regie der Kuratorin Ruth Wiederkehr und der Leiterin Vermittlung Eva Dietrich sind dort drei ganz unterschiedliche Projekte rund ums «Wiborada-Jahr» 2026 entstanden, die das Gegenteil beweisen. Ruth Wiederkehr hat kklick dazu einige Hintergründe verraten.
Liebe Ruth Wiederkehr, wie kam es eigentlich dazu, dass die «Stibi» und die «Meitleflade» zusammengespannt haben?
Im Barocksaal der Stiftsbibliothek finden im halbjährlichen Wechsel themenbezogene Ausstellungen statt. Sie werden von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitenden realisiert. Für 2026 waren Franziska Schnoor und ich an der Reihe. Und uns war klar: Das muss was mit Wiborada werden. Wir dachten aber auch, dass es im 21. Jahrhundert zu wenig ist, nur eine «Nonnengeschichte» zu erzählen. Uns hat weibliches Leben im Mittelalter ganz allgemein neugierig gemacht. Und auch die Frage, wie man aus dem kulturellen Bestand eines Männerklosters etwas über Frauen erzählen kann.
Und dann?
Und dann haben wir entschieden, junge Frauen von heute mit dem Thema in Verbindung zu bringen – zunächst mal fürs Ideenfinden – und sind bereits Mitte 2025 auf die Meitleflade zugegangen. Schülerinnen und Lehrpersonen waren sehr offen. In Gesprächen haben wir geschaut, wer was zu bieten hat, und im Herbst 2025 kamen die Schülerinnen dann zu einem Besuch in den Stiftsbezirk.
Was ist bei diesem Besuch passiert?
Wir haben unseren jungen Gästen erklärt, welche Geschichten und Dokumente es bei uns zu entdecken gibt. Zum Beispiel, dass wir nicht nur jahrhundertealte Unterlagen über Nonnen besitzen. Sondern auch über Kaiserinnen, Dienerinnen, Rebellinnen, Mütter und etliche andere Frauen. Dann ging es darum, wie eine Ausstellung realisiert wird und vieles mehr.
Waren die Mädchen davon nicht gelangweilt?
Im Gegenteil. Sie waren Feuer und Flamme, als sie erkannt haben, dass Frauenleben zu Zeiten Wiboradas vor rund 1000 Jahren den heutigen sehr ähnelten. Schon damals waren Dinge wie Care-Arbeit oder der Wunsch nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben Alltagsrealitäten.
Wie gings weiter?
Unter Leitung der hoch engagierten Lehrpersonen haben sich drei unterschiedliche Projekte herauskristallisiert und wir vom Stiftbezirk standen vor allem bei Fragen zur Verfügung. Das eine Projekt mündete im Projektunterricht im Rahmen des Fachs ERG in einer Ausstellung im Schulhaus. In dieser werden noch bis zum 20. Mai weibliche Lebenswelten der letzten zwei Jahrhunderte vermittelt. Das ist eine wunderbare Fortsetzung unserer Ausstellung, die sich auf das Mittelalter fokussiert. Und es stellt gut verständlich dar, wie sich die Geschichtsschreibung weiblichen Lebens entwickelt hat und worauf wir heute schauen.
Und das zweite?
Projekt 2 ist dicht an unserer Ausstellung in der Stiftsbibliothek dran. Die Schülerinnen haben Digitalisate aus unserer Sammlung bearbeitet und daraus Inhalte, oder sagen wir: Biografien von mittelalterlichen Protagonistinnen, zusammengestellt, die in den sieben Vitrinen unseres Barocksaals ausgestellt werden. Es war beeindruckend, wie sie sich da reingekniet haben und zum Beispiel versucht haben, mittelalterliche Handschriften zu entziffern.
Welches «Produkt» ist dabei entstanden?
Diese Gruppe hat an unserer Ausstellungsvernissage am 21. April vielfältige Aufgaben übernommen: Führungen gemacht, den Einlass und die Pantoffelvergabe überwacht und einiges mehr, was zu so einem Ausstellungsbetrieb dazu gehört. Es war ein riesiger Erfolg. Zum Teil waren über 100 Personen im Saal und die Pantoffeln sind uns ausgegangen!
Das klingt wirklich grossartig. Was ist – last but not least – mit Projekt drei?
Dieses Projekt geht erst noch an den Start, wenn man so will. Beim ihm geht es um die Gestaltung des Schweizer Vorlesetages am 27. Mai. Die Schülerinnen, die sich dafür engagieren, präsentieren dann ein Jugendbuch, in dem es um Mobbing, Schönheitsideale, Freundschaft und andere Themen geht, die Mädchen heute bewegen. Ich bin schon sehr gespannt!
Frau Wiederkehr, wir danken für das Gespräch. Und wer neugierig geworden ist, welche Angebote des Stiftsbezirks auf kklick für Schulen zu entdecken sind: Hier geht’s zum Profil und den kulturellen Bildungsmöglichkeiten, etwa «Der Wirbel ums Ego» oder «Buchstabengymnastik».
Unterrichtsmaterial zu Wiborada als Download: Wiborada in der Schule
